"HIGH-SCHOOL" Westfalen: Der Fachhandel für Drachen, Gleitschirme, Zubehör. Ausbildung, Reisen, Packservices.

Presse

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Samstag, 02. Juni 2012 - 02:09 Uhr
Von Daniel Salmon

Der fliegende Anwalt

Udo Wilhelm ist wohl der einzige Rechtsanwalt in Deutschland, der auch eine Schule für Drachen- und Gleitschirmflieger betreibt.

Obwohl Udo Wilhelm sowohl das Gleitschirm- als auch das Drachenfliegen ausübt, gefällt ihm letzteres besser. "Als ich das erste Mal mit dem Drachen vom Boden abhob, war das ein grandioses Gefühl", erinnert sich der 64-Jährige. Foto: Daniel Salmon.

Borgholzhausen (WB).»Ausschließlich am Schreibtisch zu sitzen, das ist nichts für mich«, erzählt der Piumer Udo Wilhelm. Daher bildet der Rechtsanwalt, der in Oerlinghausen eine Kanzlei besitzt, in seiner »High School« in Werther nebenbei Drachen- und Gleitschirmflieger aus. »Das ist sozusagen mein Ausgleich zur Juristerei«, sagt er. 1984 gründete Udo Wilhelm, der zahlreiche Fluglizenzen besitzt, seine »NRW Drachen- und Gleitsegelflugschule«. »Das ist mehr ein teures Hobby, denn ein Erwerb«, betont er schmunzelnd. Im Gegensatz zu vielen seiner Kollegen hat er das Drachenfliegen, das zunehmend durch die Gleitschirm-Fliegerei verdrängt wird, noch nicht aufgegeben. Seine Schüler unterrichtet er zumeist auf einem Gelände in Halle-Künsebeck, in Westerenger oder in Ascheloh. »Leider kann ich als Lehrer den Sport nicht so oft ausüben, wie ich gerne möchte«, erklärt der 64-Jährige.

»Bevor ich mit dem Fliegen anfing, habe ich in meinem Leben viel ausprobiert«, berichtet der gebürtige Kölner im breiten Akzent seiner alten Heimat. Unter anderem sei er 1973 der erste Windsurflehrer in Bielefeld gewesen. Unterrichtet habe er am Doktorsee. »Der Trend schwappte damals aus Amerika zu uns herüber. Davon war ich begeistert.« Bereits vorher hatte Udo Wilhelm eine Rennschule am Nürburgring besucht, Formel-3 und Tourenwagenrennen gefahren. »Ich schlafe nicht gern und brauche immer etwas zu tun«, begründet der Jurist seine Umtriebigkeit. Seinen Anwaltsberuf hat der Borgholzhausener immer nebenher ausgeübt.

Mitte der 1970er Jahre entdeckte Wilhelm dann eine Beschäftigung, die ihn bis heute fasziniert: »Ich habe im Fernsehen eine Sendung über den Drachenflug-Pionier Mike Harker gesehen. Der ist mit seinem Drachen an einer kalifornischen Klippe im Hangaufwind über das Meer geflogen.« Die Szenerie, unterlegt mit Walzermusik, fesselte den jungen Mann. »Ich habe sofort zum Telefon gegriffen und wollte mich über die Fliegerei informieren«, erklärt er. Das Drachenfliegen war bis dato in Europa allerdings weitgehend unbekannt. Erst 1978 wurde Udo Wilhelm fündig und buchte gemeinsam mit seinem Bruder Dieter einen Flugkurs im österreichischen Kitzbühel. Damit begann die Fliegerkarriere des Familienvaters – obwohl er zunächst noch gar nicht vom Boden abhob. »Wir sind erst einmal ganz schön oft auf die Nase gefallen«, gibt der Anwalt zu und fährt fort: »Aber dann hob ich ab, zum ersten Gleitflug meines Lebens. Das war einfach grandios und von da an fluppte es.«

Wieder in Deutschland kaufte sich Udo Wilhelm für 800 D-Mark seinen ersten eigenen Drachen. »Dafür habe ich meine gesamte Surfausrüstung verkauft. Der Sport war mir zu langweilig geworden«, betont er. Von da an flog er auch hierzulande regelmäßig. 1988 reiste Wilhelm mit einem Motordrachen im Gepäck in die Türkei und avancierte in der Stadt Selçuk zu einer lokalen Berühmtheit. Sogar die türkische Presse berichtete über den »deutschen Adler«. Das dortige Museum engagierte ihn sogar, um mit einem Fotografen Luftbilder von einer Ausgrabungsstätte zu schießen. Auch den lokalen Polizeichef musste er auf einem Flug mitnehmen.

Seine Frau Susanne sei mit ihm übrigens nur ein einziges Mal mitgeflogen. Sohn Jan war fünf Jahre alt, als er erstmals mit seinem Vater von einem griechischen Berg in einem Gleitschirm in die Lüfte stieg. Ob der nun elfjährige Jan selbst auch einmal den Flugsport alleine ausüben möchte, da will der Anwalt seinem Sprössling keine Vorgaben machen. »Er hat Spaß daran, aber im Moment hat er mehr Interesse am Fußballspielen«, sagt Udo Wilhelm.

Der Fluglehrer jedenfalls möchte sein Hobby noch einige Zeit ausüben. »Mindestens fünf Jahre will ich noch fliegen – und auch ausbilden«, erzählt der 64-Jährige.